Einsatz Nummer 1027
Die Zerstörung von Dessau, 07.03.1945
  Auf Befehl von Bomber-Harris sollte Dessau in der Nacht des 7. März 1945 den ultimativen Vernichtungsschlag abbekommen. Am Morgen des 7.März, um 10.40 Uhr lief bei den Kommandeuren der 1., 3., 6. und 8. Bomber Group der Vorbefehl ein, sich auf einen Nachtangriff auf Dessau vorzubereiten.

Gegen 12.45 Uhr ging der Bericht eines Wetteraufklärungsflugzeuges in Umlauf, der für die Nacht klare Sichtverhältnisse über Dessau als wahrscheinlich unterstellte. Um 14.30 Uhr wurden die Besatzungen der Bomber Group zusammengefaßt und über das nächtliche Angriffsziel in Kenntnis gesetzt. Zugleich begann die Beladung und Betankung der meist viermotorigen Terrorbomber, vom Typ Lancaster. Jedes Flugzeug wurde für den acht- bis neunstündigen Flug mit 2154 Gallonen (9 788 Liter) Treibstoff betankt und die Bombenzuladung bis ins einzelne geregelt.

Der Befehlshaber der 6. Bomber Group, Vizeluftmarschall C.M. McEwen, ordnete an, 50 Prozent der zum Einsatz gelangenden Lancaster III und X mit je einer 4000 Ib – Minenbombe und sieben Brandbombenbehältern mit je 106 bis 110 Stabbrandbomben, die restlichen 50 Prozent mit je einer 1000 lb Sprengbombe, aber 14 Brandbombenbehälter von je 106 bis 110 Stabbrandbomben zu beladen. Für den Start gegen Dessau wurden 525 Terrorbomber zusammengezogen, 520 Lancaster und 6 Mosquitos.

Zwischen 16.45 und 17.15 Uhr erhoben sich von den ostenglischen Flugplätzen die britische Bomberarmada. Die für Dessau bestimmten nahmen Kurs auf das westlich von London gelegene Reading, dem Sammelpunkt. Um dann in südlicher Richtung den Kanal zu überfliegen, bei Dieppe das europäische Festland zu erreichen und nach einer scharfen Ostwende südlich Lilie und Brüssel zwischen Köln und Düsseldorf den Rhein und damit zugleich auch die Frontlinie zu überqueren.

Kurz bevor der Bomberstrom Brüssel südlich passierte legten zwischen 19.25 und 1.40 Uhr drei Stirling-Bomber und 12 Halifax der 171. und 199. Squadron der 100. Bomber Group vor der Rheinlinie zwischen Düsseldorf und Koblenz, eine sogenannte Mandrel Screen. Dies war eine funkelektronische Störwand, die das Entdecken des Bomberstroms durch die Frühradarerfassung verhindern oder zumindest erschweren sollte.

Doch trotz dieses Störvorhanges wurde der Bomberstrom um 19.28 Uhr von der Luftverteidigung aufgefasst. Die Luftflotte Reich beorderte daraufhin das Nachtgeschwader 4 zum Funkfeuer „Silberfuchs“, östlich von Köln, da es einen Luftangriff auf das Ruhrgebiet erwartete.

Als Zielpunkt war in den britischen Befehlen angegeben: 800 Yards 093 Grad von SHAD A , das bedeutete: der Museumsturm von Dessau, er sich auch aus großer Höhe weithin sichtbar abhob.

Masterbomber des Angriffs auf Dessau war Major P.M. Mellor, ein langgedienter Pilot des berüchtigten Bomber Command.

Mellor war mit seiner Lancaster 1/1 lM 524/G um 17.31 Uhr von Downham Market gestartet. Um 21.52 Uhr befahl Mellor den Beleuchtern das Zielgebiet durch weiße Leuchtbomben aufzuhellen, die Blindmarkierer sollten zugleich den Zielpunkt mit grünen Zielmarkierungsbomben belegen. Doch die Wende im Luftbombardement Dessaus trat gegen 22.04 Uhr ein, als die Wolkendecke über Dessau aufriß und im Licht der Leuchtbomben und der auflohenden Brände in der Stadt für die meisten Besatzungen sowohl der Flußverlauf der Elbe als auch der Zielpunkt optisch wahrnehmbar wurden.

Nunmehr konzentrierte sich der Bombenabwurf und damit multiplizierte sich die Zerstörungswirkung. Im Bericht der 1. Bomber Group hieß es: "Um 22.04 Uhr entstand eine große freie Fläche in der Wolkendecke und die Besatzungen konnten deutlich die Schleife der Elbe und das bebaute Gebiet ausmachen. Die grünen und roten Zielmarkierungsbomben wurden brennend in der Nähe des Zielpunktes gesehen. Die ganze Stadt war mit Bränden gemustert und mehrere gute Feuer waren im Entstehen. Mehrere große Explosionen wurden beobachtet. Besonders eine um 22.11 Uhr, die einen orangefarbenen Schimmer besaß. Ein Flugzeug, dass die Stadt wegen eines Navigationsfehlers erst um 2.40 Uhr bombardierte, berichtete, dass drei große Flächenbrände, im östlichen, südlichen und westlichen Teil der Stadt erkennbar waren, die eine schwarze Rauchwolke bis zu 8000 Fuß Höhe erzeugten.

Über Dessau fielen nach den Unterlagen des Bomber Command in der Nacht des 7. März 1945 1693 Tonnen Bomben, davon 744 Tonnen Spreng- und 949 Tonnen Brandbomben.

Hatten die Bombergruppen über Dessau den Gipfelpunkt ihrer Höhe erreicht, so gingen sie bei ihrem Rückflug in Richtung Eisenach von annähernd 7000 Meter auf 4000 Meter hinunter, wobei sie gleichzeitig ihre Geschwindigkeit von etwa 290 Stundenkilometer noch Abwurf der Bombenlast auf fast 400 Stundenkilometer beschleunigten.

Ziel dieses Manövers war es, mögliche Verfolger abzuschütteln. Im Raum Eisenach erfolgte überdies eine scharfe Südkehre in Richtung Freudenstadt, wobei die Terrorbomber nun wiederum in Nähe der Front auf 5000 bis 6000 Meter Höhe stiegen. Im Raum Freiburg wurde der Rhein überflogen und Frankreich in einem weiten Bogen über Chaumont – östlich Paris – erneut im Raum Dieppe passlert.

Der Kontinent wurde noch in 5000 Meter Höhe, bei einer Geschwindigkeit von nur 250 Stundenkilometers, passiert, die englische Küste schon in 2000 Meter überquert. Die Landungen erfolgten zwischen 01.45 und 03.00 Uhr.

Am 9. März 1945 flog eine Mosquito gegen 13.15 Uhr die erste Luftbildaufklärung nach dem Angriff über Dessau. Obwohl der Auswertungsbericht vom 10. März 1945 den Eindruck suggerieren wollte, der Hauptschlag des 7. März habe den Junkers-Werken gegolten, die durch den Angriff total zerstört worden wären, gab ein detaillierter Bericht vom 1. April 1945 präzise Auskunft über die tatsächlich angerichtete Zerstörung Dessaus. Es wird darin festgestellt, daß sowohl die Junkers-Werke wie auch der Eisenbahnverkehr durch den Angriff nicht wesentlich in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Dafür um so stärker die Innenstadt. Wörtlich hieß es: "Das Geschäfts- und Regierungsviertel ist am schwersten durch den Angriff betroffen worden. Entlang der Kavalierstraße, die die Hauptstraße vom Süden in die Innenstadt darstellt, gibt es kaum mehr als ein Halb Dutzend Häuser, deren Dächer intakt geblieben sind. Besonders im südlichen Teil der Stadt ist die Zerstörung vollständig. Das Zentrum um die Muldebrücke ist ausgelöscht. Das Rathaus ist ausgebrannt, die Regierungsgebäude schwer beschädigt. Das Fürstenschloß, an den Ufern der Mulde im 16. Jahrhundert errichtet, ist nunmehr weitgehend niedergebrannt.

Quelle:
Militärhistoriker Olaf Groehler †
& Museum
für Stadtgeschichte Dessau




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